Von der „Virenschleuder“ zum Lebensretter: Mundschutzmaske als Loyalitätstest für Untertanen

Autorius: Andrej Iwanowski Šaltinis: https://de.sputniknews.com/kom... 2020-07-21 20:58:00, skaitė 81, komentavo 1

Von der „Virenschleuder“ zum Lebensretter: Mundschutzmaske als Loyalitätstest für Untertanen

Die Regierung weigert sich hartnäckig, die Maskenpflicht aufzuheben, obgleich die Fallzahlen mancherorts bereits verschwindend gering sind. Die einen haben sich mit der Maske halbwegs abgefunden, die anderen sehen darin eine willkürliche Einschränkung der persönlichen Rechte. Mittlerweile ist Maskentragen auch ein Politikum.

Nicht nur in Deutschland sind Masken-Müdigkeit und Anti-Masken-Widerstand zu verzeichnen – bis hin zu Blutvergießen und Tod. Berichte aus dem Ausland mit reißerischen Überschriften wie  „Polizistin erschießt Mann nach Streit über Gesichtsmaske“ oder „73-Jähriger stirbt nach Streit über Maskenpflicht“ sind keine Seltenheit mehr. In den Augen vieler Kritiker der Maskenpflicht stehe diese „für einen übergriffigen Staat, der seinen Untertanen die Freiheit nimmt“, diagnostizierte etwa „Die Zeit“  das neue soziale Phänomen: „In diesem Fall: die Freiheit, ohne Gesichtsbedeckung einkaufen zu gehen, auch wenn sich dadurch die Ansteckungsgefahr für andere erhöht.“

Die Masken-Akzeptanz setzt sich durch

Heutzutage erinnert man sich schon kaum mehr daran, dass selbst die WHO, das RKI und der Gesundheitsminister Jens Spahn die Effektivität der Atemschutzmaske erst vor drei Monaten in Zweifel gezogen hatten. Auch unter deutschen Virologen und Epidemiologen gab es keine Einigkeit darüber. Selbst Kanzlerin Angela Merkel soll die Maske zu jener Zeit dem Vernehmen nach als „Virenschleuder“ verschmäht haben.

Die Zeiten, als die Atemschutzmaske in Deutschland noch defizitärer war als das Toilettenpapier, sind vorbei. Damit entfiel auch das Argument der Pflicht-Gegner, die auf den Masken-Mangel hingewiesen hatten. Wer zu knauserig war, durfte einen Schal oder ein Tuch umbinden. Die Masken-Akzeptanz in der Bevölkerung setzte sich recht schnell durch – was die politischen Kreise sicherlich als Bestätigung für die Loyalität der Bevölkerung verbuchen durften.   

„Masken wirken, aber sie müssen auch richtig angewandt werden“, betonte jüngst der Bonner Virologe Hendrik Streeck, der sich anfangs eher skeptisch über die Maskenpflicht geäußert hatte. „Wenn man seine Maske zwei Wochen nicht wäscht und immer in seine Hosentasche steckt, dann hat man dort natürlich ein feuchtes Milieu, wo sich auch für die Lunge gefährliche Pilze bilden können.“

Mittlerweile trägt die Kanzlerin, genauso wie ihre europäischen Kollegen, bei öffentlichen Auftritten eine Maske. US-Präsident Donald Trump hatte sich zwar am längsten geweigert, aber auch er tut das inzwischen, jedenfalls vor den Kameras. Österreich, das unter den ersten in Europa Maskenpflicht eingeführt und diese auch als eines der ersten Länder abgeschafft hatte, rief diese vor kurzem teilweise wieder zurück, sobald die Fallzahlen leicht nach oben geklettert waren. Ähnlich spielt sich die Geschichte in der Schweiz ab: Seit kurzem gilt etwa in der Züricher Tram wieder Maskenpflicht. Diese Wiedereinführung geschieht jetzt schon rein reflektorisch und wie selbstverständlich – das ist das Allererste, wonach die Behörden in solchen Fällen greifen. Ist dies ein Zeichen der Machtlosigkeit der Macht? Und zugleich vielleicht ein Loyalitätstest?

Assoziation mit einem Maulkorb

Natürlich ist das Maskentragen nicht schon rein ästhetisch, sondern auch kulturologisch ein ziemliches Problem: Die Assoziation mit einem Maulkorb drängt sich beim Anblick eines Gesichts mit Atemschutzmaske sofort auf. Ein Straßenbild, auf dem alle Passanten Masken tragen, ruft nicht nur einschlägige Katastrophenfilme, sondern auch antiutopische Texte à la Orwell in Erinnerung.

In der Tat: So etwas wirkt ziemlich „totalitär“ und muss schon reflektorisch Widerstand und Protest hervorrufen – was zugleich den politischen Kern des Problems offenlegt. Ganz abgesehen davon, dass es alles andere als bequem und angenehm ist, mit einer Maske herumzulaufen, geschweige denn, diese regelmäßig zu waschen und zu wechseln.

Wie soll aber dieser Protest politisch eingeordnet werden? Populisten wie Donald Trump und Jair Bolsonaro agierten zwar bis zuletzt als prinzipielle Masken-Muffel – mit solchen Unsympathen würden aber selbst die entschiedensten Masken-Gegner kaum gerne assoziiert werden. Eine attraktive politische Leitfigur lässt sich für diese Rolle kaum finden. Auch die politische Landschaft Deutschlands wirkt in dieser Hinsicht homogen: In der Bevölkerung genießen die Befürworter der Maskenpflicht-Beibehaltung eine 87-prozentige Mehrheit. Selbst bei den AfD-Wählern – der am kritischsten eingestellten Bevölkerungsgruppe – sind 58 Prozent dafür. 

Stars und Promis werben für die Maske

Außerdem finden sich auf der Seite der Maskenpflicht-Befürworter, neben den meisten Politikern im In- und Ausland, coole Typen wie etwa der Streetart-Künstler Banksy, der jüngst einen U-Bahn-Zug in London mit Bildern besprüht hat, die die Fahrgäste zum Maskentragen animieren sollten.   Internationale Stars und Promis stellen (gratis?) ihre Konterfeis zur Verfügung, um für das Maskentragen zu werben, und agieren dabei quasi als „Masken-Influencer“.

Für Modedesigner*innen öffnete sich eine neue Marktnische, wo sie ihre Masken-Kreationen als modisches Accessoire anbieten können. Viele Restaurants und Cafés beschaffen sich exquisiten Mundschutz mit ihrem Logo drauf, die Bundesliga-Fußballclubs sowieso.

Mit der Maskenpflicht, die in der Bevölkerung dazu noch (jedenfalls vorerst) weitgehend mit Verständnis und Fassung getragen wird – hat die Regierung einen „solidarischen Zusammenschluss“ der Untertanen erwirkt: In der Bahn etwa regen sich die Passagiere recht häufig auf, wenn sie einen Mitreisenden ohne Maske sehen. Ein Problem gibt es allerdings mit der Ahndung: Des Öfteren sind die Schaffner*innen rein körperlich nicht in der Lage, die Strafe zu vollstrecken - „Masken-Dissident“ muss dann höchstens die allgemeine Verachtung in Kauf nehmen, die einem „Volksfeind“ gebührt.

Maskenpflicht – wie lange noch?

Beim Shoppen entstehen kaum Probleme mit dem „solidarischen Schulterschluss“.  Eine Abschaffung der Maskenpflicht ist allerdings nicht in Sicht. Der neuerliche Vorstoß vom Wirtschaftsminister des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, Harry Glawe (CDU), der das Thema ins Gespräch bringen wollte, wurde quasi „von oben“ abgewürgt. Wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier meinte,  könnte die Rede davon erst sein, „wenn wir bei den Infektionen dauerhaft zweistellig sind“. Momentan werden in Deutschland bis zu 500 Neuinfektionen registriert, und im nahenden Herbst ist eher ein Anstieg als ein Rückgang dieser Zahl zu erwarten. Wird dann die Loyalität der Bundesbürger*innen weiter Monate lang durch die Maskenpflicht strapaziert?